Samstag, 22. Dezember 2012

U2 (05.06.1992)


Vorspiel
Ende 1991 wurde ich endgültig zum Fan. Bisher hatten mich U2 eher kalt gelassen. OK, das Album "The Joshua Tree" bzw. dessen Singles gingen schon ziemlich ins Ohr, aber irgendwie hatte ich damals kein Ohr für diese merkwürdige Band. Das sollte sich ändern. Zunächst kaufte ich eine CD namens "Rotterdam" mit Aufnahmen aus Rotterdam (ach was!) und Amsterdam. Durchgängig eher miserable Klangqualität, aber irgendwie machte diese CD Spaß. Ich nahm eine Auswahl davon auf eine Cassette auf und dudelte das Ding in meinem Käfer rauf und runter. Dann kam "The Fly".

Original Island/BMG CD-Single 664 728


"The Fly" war die erste Single aus einem Album namens "Achtung Baby". Liest sich nicht nur merkwürdig - damals war es auch so. Ich hörte die Diskussionen um "The Fly" lange bevor ich das Lied erstmals im Radio vernahm. Und: Ehrlich, ich fands gar nicht so schlimm. Eher... abgefahren. Anders. Neu. 

Etwas später war ich mit einem damaligen Freund im örtlichen Radio- und Fernsehhandel. Dort kaufte man damals auch seine Musik, denn der Laden hatte freundlicherweise ein paar (oder besser: ein Paar) Regale aufgestellt mit den jeweils halbwegs aktuellen Titeln. Ich hatte nicht genug Geld dabei und so lieh er es mir um die CD-Singles von "The Fly" und "Mysterious Ways" zu kaufen. Ich kann es nicht beschwören, aber ich glaube das Album (eben "Achtung Baby") wurde auch gleich mitgekauft. Zu Hause angekommen wurden erst die Singles angehört. Noch immer gehört der "Lounge Fly Mix" zu meinen Favoriten wenn es um U2-Remixe geht. Die "Mysterious Ways"-CD enthält nicht weniger als 5 Versionen des Songs. Der Mix von Apollo 440 ist irgendwie der coolste, weil er so völlig anders ist als das eigentliche Lied. Wo zum Henker sind die Gitarren geblieben?
Aber dann machte ich mich an das Album. Und schon der 1. Song haute mich um. "Zoo Station" rammte mich wie eine U-Bahn und schleuderte mich in die Galaxie Uhzwei wo Lebewesen "Bono" oder "Edge" heißen und sich einen Dreck um ihr Geschwätz von früher scheren. Ging es noch cooler? Vermutlich nicht. Ich erinnere mich jedoch daran gedacht zu haben: "Wie wollen die das live spielen?" Die Rotterdam-CD hatte ich noch in den Ohren - recht handgemachter Rock. Geradlinig, spaßig. Aber vielleicht auch etwas gestrig. Vor allem wenn man sich anhörte was im Rock jetzt offenbar möglich war. Und nichts anderes war "Achtung Baby": Alle Möglichkeiten. Zugleich. Jetzt. Und dann der zweite Gedanke: "Wenn die auf Tour kommen gehe ich hin!".


Tourprogramm


Höhepunkt
Um zu verstehen wie einprägsam dieses Konzert gewesen ist muß man versuchen sich in das Jahr 1992 zurückzuversetzen. Es gab kein Internet und somit hatte man (wenn überhaupt) nur wenige Photos von aktuellen Konzerten gesehen und noch weniger (um nicht zu sagen: gar keine) bewegten Bilder. Heute ist es fast schon normal im Vorfeld zu wissen was eine Band am Abend spielen wird, da man die Setlists der letzten 20 Konzerte 100 mal gelesen hat. Damals gab es das nicht. Man hatte ein Album, vielleicht die Singles und dazu noch die Videos (Dank MTV*). Also fuhr man voll echter Vorfreude zu einem Konzert. So auch ich. Damals hatte ich einen roten VW Käfer, und mit diesem überholte ich an jenem schwülen Sommertag zunächst einen osteuropäischen Bus. Vom Hinterfenster dieses Busses winkten ein paar verschwitzte Jungs herunter. Cool zeigte ich ihnen das "V"-Zeichen (welches sie sofort erwiderten) und war mit meinen 44 PS an ihnen vorbei. 
Die Schwüle wurde drückender und in Dortmund angekommen regnete es leicht, aber der Regen brachte keine echte Abkühlung. Die Fans quetschten sich unter das Vordach der Westfalenhalle und jemand lief "I'm ready..." brüllend an mir vorbei. Drinnen erstmal zum Verkaufsstand der Devotionalien: Tourprogramm und T-Shirt. Das natürlich coolste Shirt überhaupt: Schwarz mit "U2" auf der Brust und dem "ZOO TV TOUR" Logo im Nacken. Dann schnell in die Halle, denn die Vorband spielte schon: Fatima Mansions. Punk? Pubrock? Jedenfalls "Only losers take the bus". Soso lala. Während der Umbauphase konnte ich die Halle und Bühne erst richtig in Augenschein nehmen. Auffälligstes Dekor: Ein von der Hallendecke hängender Trabbi über einer kleinen Bühne in der Hallenmitte. Was zum Teufel...? Und sitzen da tatsächlich Leute HINTER der Bühne?



Dunkelheit, dubiose Geräusche... Bildschirme flackern auf und zeigen Bilder oder Bilderrauschen oder beides zugleich. Was zum Teufel...? Doch es bleibt keine Zeit um nachzudenken, denn Edge zerreißt die Luft mit seiner Guitahre. Ja, das ist "Zoo Station"! Nachdem Bono im hinteren Bühnenteil vor den Bildschirmen hermarschiert steht er plötzlich in der Bühnenmitte: "I'm ready!..." Jawollja. Und weiter gehts mit "The Fly". Und wieder: The Edge! Sein Solo mäht das Publikum nieder und bis heute schwöre ich Stein und Bein, daß niemand aus dem Publikum enttäuscht nach Hause gegangen wäre wenn das Konzert hier geendet hätte. Doch die Band hat gerade erst Fahrt aufgenommen. Bono grüßt das Publikum "Erst der Regen.. und dann die Hitze!" - weiter mit "Even better than the real thing". Ja spielen die denn das ganze Album durch? Fast! Nach 8 oder 9 Songs wandert die Band auf die bereits erwähnte kleine Bühne (B-Stage, später nachgemacht von den Rolling Stones und anderen) und beginnt mit dem Greatest Hits-Teil. Der beginnt mit Akustikguitahren und wird kurz unterbrochen von "Satellite of love". Bis auf Bono verläßt die Band die B-Stage, wobei sich Larry das Seil des von der Decke hängenden Trabbis schnappt und das Auto in Bewegung versetzt. 



Der Trabbi glänzt und glitzert wie eine Diskokugel (oder ein Satellit?) und markiert im Konzert einen ..äh.. Wendepunkt (zur Symbolik des Trabbis im Kontext von U2 siehe auch zahlreiche Interviews mit Anton Corbijn): Danach wird das Gaspedal nochmal durchgetreten, die Band hebt fast ab: "Bad", "Bullet the blue sky" und "Running to stand still", wo Bono wieder einsam auf der B-Stage steht und seine Mundharmonika malträtiert während er von Nebel eingehüllt wird. Plötzlich beginnt "Where the streets have no name" .. auf den Bildschirmen sieht man die U2 der End-80er in der Wüste umherlaufen. Ist das wirklich die Band die ich da gerade höre.. ach was, erlebe?



Nachspiel
Nach dem Konzert war ich wie betäubt. Ehrlich! Ich wankte eine Treppe hinab, flackernde Bilder vor Augen und tausend Eindrücke auf einmal verarbeitend. Ich trat jemandem auf den Fuß und merkte es kaum. Erst sein "Ey" ließ mich aufwachen: "Entschuldigung" murmelte ich und wankte weiter. Jemand tippte mir auf die Schulter. Woher ich das T-Shirt hätte? "Da hinten ist so ein Stand...", ich zeigte in eine unbestimmte Richtung und ging weiter. Was zum Henker hatte ich da gerade erlebt? Jemand verkaufte VHS-Cassetten des Auftritts vom Vortag. Gekauft. Zufrieden ging ich zu meinem Käfer. 

Bis heute ist dieses Konzert mein Lieblingskonzert. Die DVD "ZOO TV Live From Sydney" kommt halbwegs an das heran was ich in Dortmund gehört und gesehen habe. Das liegt sicher daran, daß ich vorher nie so etwas gesehen hatte. Und da ging es wohl nicht nur mir so. Das Zusammenspiel (oder eben das Gegeneinander) der Musik auf der einen und der Videos auf den Bildschirmen auf der anderen Seite war bahnbrechend (ich finde kein anderes Wort). Bisher hatte man auf den Leinwänden immer nur die Künstler gesehen, jetzt zeigte man Bilder um die Lieder zu unterstützen und/oder um die Band anzuspornen sich noch etwas mehr ins Zeug zu legen weil sie sonst niemand beachtet. Was für eine geniale Idee!

Mit der nächsten Tournee wurde es noch etwas größer und mit der übernächsten (fast) zu groß. Es sollte bis 2001 dauern, bis U2 wieder ein wirklich mitreißendes Konzert spielen sollten. Aber das ist eine andere Geschichte. 




U2 Offiziell Online
U2 Fanseite (Deutsch)
Das coolste U2 T-Shirt überhaupt!



* MTV = Music Television. Der Sender zeigte damals fast ausschließlich Musikvideos, Interviews mit Musikern, Live-Im-Studio-Auftritte von Musikern und überhaupt sehr viel Musik. Auch das ist heute wohl unvorstellbar?!


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