Sonntag, 17. November 2013

Siebenhundert!




Heute ist mal wieder Plattenbörse in unserer Stadt. Entgegen meiner Gewohnheit bin ich hingegangen und war sogar sehr früh am Ort des Geschehens. Nach weniger als zwei Stunden habe ich meine Beute nach Hause getragen (siehe Photo) und stellte fest, dass ich nach meiner Rechnung nun nicht weniger als siebenhundert LPs in meiner Sammlung habe. Und wenn ich in der Reihenfolge des Erwerbs vorgehe, dann ist das Debütalbum der ganz phantastischen Anna Calvi die Nummer siebenhundert - und hat dabei (in "near mint" Zustand) gerade mal 10 Öre gekostet. Wenn ich so darüber nachdenke dann ist der "World Tour Pack" von McCartneys '89er Album "Flowers In The Dirt" sicher ein Fehlkauf. Die Platte ist OK, aber das Cover ist doch arg ramponiert. Einzig wegen der beiliegenden 7" (die einzeln schon fast soviel kostet wie diese Sonderausgabe der LP) hat es sich gelohnt. Naja, der Händler kam mir nen Fünfer entgegen, ich hätte vielleicht dennoch "Nein" sagen sollen. Für das Geld hätte ich zwei der remasterten Kraftwerk-LPs kaufen können, oder... oder... oder... Ach, was solls. Regrets? I've had a few. But then again, too few to mention.

Sonntag, 10. November 2013

The Beatles And The BEEB

Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde! Die vier Kanalratten aus Liverpool sind einfach nicht totzukriegen. Gefühlt jedes Jahr gibt es ein neues Album mit "neuen" Aufnahmen. Ist das zu fassen? Eigentlich nicht, dennoch ist es so. Vor nunmehr 19 (!) Jahren erschien ein Album namens "Live At The BBC" und nachdem dieses sehr (SEHR) erfolgreich gewesen ist (man spricht von 5 Millionen Einheiten in den ersten 6 Wochen) gibt es nun bereits den zweiten Teil: "On Air - Live At The BBC Volume 2". 


Zeitgleich erscheint ein Buch namens "The BBC Archives" von Kevin Howlett (Ausführender Produzent von "On Air"), welches sich sehr detailreich mit den Auftritten der Fab Four für die gute alte BEEB beschäftigt. Es gibt zahlreiche Interviews nachzulesen über die man sich noch heute amüsieren kann. Die "boys" (wie sie von Manager Brian Epstein immer genannt wurden) nehmen sich selbst und so ziemlich alles um sie herum nicht richtig ernst - Ausnahme ist natürlich die Musik: Sie nahmen 275 mal für die BBC auf, spielten dabei 88 Songs, von denen volle 36 niemals offiziell von den Beatles veröffentlich wurden, so lange es die Band gegeben hat. Diese Auftritte fanden zwischen März 1962 und Juni 1965 statt. Und hier beginnt für den Fan schon die fantastische Reise durch die Faktenwelt: Bei den ersten beiden Aufnahmen fürs Radio (März bzw. Juni 1962) war noch ein gewisser Pete Best Schlagzeuger der Band! 



Überhaupt wird hier mit dem einen oder anderen Mythos endgültig (?) aufgeräumt: Noch heute erzählt Paul McCartney gerne, dass die Beatles erst nach Amerika gehen wollten wenn sie dort einen Hit hätten. Tatsächlich wurde der Vertrag mit der Ed Sullivan Show im November 1963 geschlossen und "I Want To Hold Your Hand" (erst) im Dezember veröffentlicht. So war es offenbar schlicht und einfach ein glücklicher Zufall, dass diese Single in der zweiten Woche auf Platz 1 der Charts in den USA stand als die Beatles im Februar '64 vor 73 Millionen Fernsehzuschauern auftraten.

Doch auch andere -eher traurige Fakten- muß man lernen: Anfang der 1960er Jahre war Pop und Rock eher etwas für Kinder (wohlgemerkt: nicht für "Teenager") in den Augen der Verantwortlichen der BBC. So berichtet Howlett, dass er eine ganze LP mit Aufnahmen der Beatles in den Archiven fand als er Anfang der 1980er eine Radiosendung über die Beatles bei der BBC machen wollte. Eine LP. Von 53 Sendungen, 275 Aufnahmen, 88 Songs... Man kann sich kaum vorstellen, welche Arbeit es gemacht haben muß die restlichen Aufnahmen wiederzufinden. Einige existieren tatsächlich nur, weil damals Fans Sendungen mitgeschnitten haben! Diese Art der Hochnäsigkeit hielt noch viele Jahre an. So wären zum Beispiel die Sendungen von Monty Pythons Flying Circus ebenfalls gelöscht (oder einfach weggeworfen) worden, wenn nicht ein BBC-Mitarbeiter einen der Pythons angerufen und gefragt hätte, ob er sie vielleicht haben möchte.


Wie gesagt: Musik für Kinder. Datiert vom 10.01.1962 und unterschrieben von Brian Epstein liegt dem Buch (neben anderen Dokumenten) als Faksimile die "Application For An Audition By Variety Department" vor, also die Bewerbung zu einem Vorspielen. Auf der Rückseite ist der fast schon legendäre Kommentar von Peter Pilbeam (Produzent dieser Probeaufnahme) zu lesen

"An unusual group, not as 'Rocky' as most, more C + W [country and western], with a tendency to play music"












Insgesamt ist das Buch natürlich die perfekte Ergänzung zu den beiden Alben. Und auch die Alben selbst ergänzen sich hervorragend. Es gibt nur wenige Überschneidungen bei der Songauswahl und die eingestreuten Interviewschnipsel machen das Hören wie schon beim Vorgänger zum Vergnügen. Quasi als Bonus gibt es auf der dritten LP erstaunlich ernsthafte Interviews mit den Beatles (John und George wurden im November 1965 interviewt, Paul und Ringo im Mai 1966). Interessant ist die immer wieder auftauchende Frage was sie denn nach dem Ende der Beatles bzw. dem Abebben des Erfolgs gern machen würden. Popmusik war damals wirklich nichts, was sich irgendjemand als "Job bis ans Lebensende" vorstellen konnte.



Da die Aufnahmen natürlich live im Studio erfolgten kann man sich erneut einen guten Eindruck davon verschaffen ob und wie gut die Beatles als Liveband gewesen sein mögen. Die Legende von den im Gekreische der Fans untergehenden Band ist bekannt (und wohl auch nicht so falsch), doch hier spielen sie mit Eifer und Freude ihre Songs sowie eine Menge Coverversionen. John Lennon überzeugt natürlich als harter Rocker ("Money (That's What I Want)"), kann jedoch auch bei Balladen begeistern ("Anna (Go To Him"). McCartney beeindruckt einmal mehr als Sänger der härteren Stücke: "Long Tall Sally" und "Lucille" lassen Little Richard blass aussehen. Harrison ist mal wieder die Geheimwaffe der Band. Seine Interpretationen von "Memphis, Tennessee" und natürlich "Roll Over Beethoven" lassen eine große Liebe zum ursprünglichen Rock'n'Roll erkennen. Und Ringo? Nun, Ringo ist eben Ringo. "Honey Don't" und seltsamerweise auch "Boys" passen zu ihm. Heute würde wohl keine Band mehr "Boys" singen, es sei denn eine Mädchenband oder die Scissor Sisters. Damals aber schien das völlig normal, es war aber eben auch eine andere Zeit. So endete 1963 ein Bericht des "Audience Research Department" mit den Worten "I am quite a fan of The Beatles. To me they are the new 'Today', clean and wholsesome and gay". Nuff said!

Kevin Howlett - The Beatles: The BBC Archives 1962 - 1970 - BBC Books
The Beatles - On Air - Live At The BBC Volume 2 - Apple/Universal 3750506 

Freitag, 1. November 2013

Tocotronic (01.11.2013)

Tocotronic endlich mal wieder in dieser legendären Kaschemme (frei nach Dirk von Lowtzow)! 2007 waren sie zuletzt hier, beim Album "Schall und Wahn" wurde (sehr zum Leidwesen des Autors) ein Bogen um Bielefeld gemacht. Nun aber, mit einem etwas seltsamen (aber nicht minder schönen) neuen Album sowie der 20-Jahre-Jubelplatte "20" im Rücken füllen Tocotronic das kleine Forum Bielefeld. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Es wird ein weiteres famoses Konzert der Gruppe aus "Hamburg und Berlin". 

Nach dem zunächst verhaltenen "Wie Wir Leben Wollen" geht es mit einem bunten Reigen alter (und neuer) Gassenhauer weiter: "Drüben Auf Dem Hügel", "Ich Möchte Irgendetwas Für Dich Sein", "Ich Bin Viel Zu Lange Mit Euch Mitgegangen", "Jackpot", "Let There Be Rock", "This Boy Is Tocotronic", "Hi Freaks", "Aber Hier Leben, Nein Danke", "Gegen Den Strich", "Mein Ruin", "Sag Alles Ab", "Macht Es Nicht Selbst", "Abschaffen", "Die Revolte Ist In Mir", "Warte Auf Mich Auf Dem Grund Des Swimmingpools"... Frenetisch werden die frühen Songs vom Publikum gefeiert, doch auch die neuen Stücke kommen gut an - wohl weil sie sich wie selbstverständlich (oder wie gute alte Freunde) zwischen die Klassiker (darf man das sagen?) mischen (lassen).



Auch die Band genießt den Auftritt vor kleinem Publikum: Rick McPhail spielt fast stoisch seine Guitahre (leider geht sein Gesang im Mix etwas unter) während die Musik durch die anderen hindurchzuströmen scheint: Dirk von Lowtzow windet sich hinter seinen Sechssaitern, daß es einem Angst und Bange wird (zerbricht das Instrument oder überlebt es dieses Konzert?) während Jan Müller (der nicht selten fast selig lächelt) seine Energie in stetigem ruckartigen Springen und einer Art von Headbangen entlädt. Derweil wirbelt Arne Zank am Schlagzeug, steht immer wieder auf und verbeugt sich (wie auch der Rest der Band) oder gibt den weisen Marabu (Charlie Watts läßt grüßen). Aufforderungen sich auszuziehen begegnet Dirk von Lowtzow mit launigen Sprüchen, er läßt einen Fan "Die Revolte Ist In Mir" weitergröhlen um einen Schluck zu trinken, der Schweiß fließt in strömen. Ist das wirklich "einfach Rockmusik"? Es macht jedenfalls schon Spaß der Band beim Spielen zuzusehen, die Qualität der Lieder ist ohnehin über so gut wie jeden Zweifel erhaben. Und spätestens wenn aus einer Feedback-Attacke die Akkorde von "Freiburg" ertönen befinden wir uns wieder in den 90ern: Wir schauen Viva statt MTV, tragen Trainingsanzüge, verweigern die Annahme von Preisen. Die Revolte ist in uns. Noch immer, auch Dank Tocotronic.