Montag, 12. Mai 2014

David Small: Stiche


"Ich war sechs." So beginnt dieser wunderbare grafische Roman von David Small. Er verarbeitet dort Erinnerungen an seine Kindheit und Familie. Letztere als "disfunktional" zu beschreiben wäre wohl noch untertrieben. Was er erlebt erscheint kafkaesk, und es ist schon erstaunlich, daß es Small am Ende zu einem offenbar einigermaßen normalen (und erfolgreichen) Leben als Erwachsener geschafft hat.

Die Familie ist geprägt von Schweigen. Die Mutter ist "zornig und stumm", leidet unter ihrer Abnormität (sie hat das Herz auf der rechten Seite) und unterdrückter Homosexualität. Der Vater ist Arzt. Er arbeit und raucht viel. Als Ventil für seinen Zorn hat er einen Punchingball im Keller installiert. Über Gefühle wird in der Familie nicht gesprochen. Sie werden unterdrückt wie so vieles in dieser Familie und später auch Davids Stimme.

So wächst David Small auf, verliert sich in Phantasien, Literatur und eigenen Zeichnungen. Mit vierzehn wird er operiert, eine vor Jahren festgestellte Zyste am Hals soll entfernt werden. Doch als er aufwacht kann er nicht mehr sprechen, denn ihm wurde auch die Hälfte der Stimmbänder entfernt. Schließlich entdeckt er, daß es nicht nur eine Zyste sondern Krebs gewesen ist und schließlich gesteht ihm sein Vater (wie immer rauchend), daß er für die Erkrankung seines Sohnes verantwortlich ist. David war als Kind oft krank gewesen und sein Vater hatte ihn (wie damals wohl üblich) wegen Stirnhölenproblemen oft geröntgt...

David Small ist ein beeindruckender und bedrückender grafischer Roman gelungen. Die Kälte und Grausamkeit der Eltern (die meiner Meinung nach eben nicht dachten sie würden das beste für ihr Kind tun, jedenfalls nicht die Mutter dachte so) erschüttert extrem. Man betrachte nur das mittlere Panel auf Seite 20 dieser Ausgabe: Der kleine David liegt auf dem Behandlungstisch, über ihm der riesige Röntgenapparat. Der unschuldige Kinderblick mitsamt leicht geöffnetem Mund zeigt genau, daß er nicht weiß was hier geschieht. Aber auch, daß er es nicht verhindern kann. Was dem Kind schließlich angetan wird ist kaum zu ertragen und man mag sich nicht vorstellen was in ihm vorgegangen sein muß als er diese (seine) Geschichte gezeichnet hat. In den Danksagungen spricht er von einem "Martyrium" und das dürfte es wohl treffen. In vielen Panels wird nicht geredet und es gibt auch keine Erklärungen aus dem "Off". Hier verläßt sich Small zu Recht auf seine Zeichenkunst. Vor allem die Gesichtsausdrücke bleiben in lebhafter Erinnerung. Auch diese zeigen häufig zornige Züge. Wie gesagt: Über Gefühle wird in der Familie nicht gesprochen.

Die Geschichte geht unter die Haut, die Zeichnungen stärken den Eindruck von Gefühlskälte und Grausamkeit. Kein Comic für jeden Tag. Aber ein guter Comic.


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