Mittwoch, 9. Juli 2014

Dust & Grooves



Vor wenigen Wochen erschien das Buch „Dust & Grooves – Adventures In Record Collecting“. Es ist das Ergebnis einer Kickstarter-Kampagne an der ich teilgenommen habe. Das Buch ist der wahrgewordene Traum des Photographen und Initiators Eilon Paz und es ist ein wunderschönes Buch geworden. Es zeigt Photos von Vinyl-Liebhabern und –Sammlern die mich beschämt zu Boden schauen lassen wenn ich an meine „Sammlung“ denke. Allein die Regale (natürlich „custom made“, währen ich verzweifelt versuche mein EXPEDIT von IKEA zu füllen) bringen mich zum Weinen und selbst wenn man die auf einer Straße in Philadelphia ausgebreitete Sammlung von Sesamstraßen (!)-Alben von Dante Candelora sieht muß man sich fragen ob man sich überhaupt zugehörig fühlen darf. Also ich frage mich das jedenfalls.

Buch in natürlichem Habitat

Jeder der porträtierten Sammler hat ein „theme“, also eine (Haupt-)Richtung, einen Stil den er/sie sammelt. Nehmen wir nur Joe Bussard. Er sammelt 10“ Schallplatten (78er, also Schellack), Aufnahmen aus der frühen Kreidezeit also: Jazz, Blues, Bluegrass, Country – solche Sachen. Im Grunde verteufelt er Vinyl und so ziemlich alles was nach 1949 aufgenommen worden ist, Rock’n’Roll ganz besonders. Das Photo auf den Seiten 254/255 beeindruckt mich immens. Er sitzt vor einer Regalwand gefüllt mit den Platten, hält ein schönes Stück in die Kamera und hat dabei einen leicht skeptischen Blick, der zu fragen scheint „Weißt du überhaupt wovon ich rede, Junge?“. Der Raum in dem er sich befindet wirkt riesig und die Wand mit dem Schallplattenregal dominiert alles. Es gibt keinen Schnickschnack in diesem Zimmer, nur einen Mann und seine Musik. So soll es sein. 

Nun, ich kann mir solchen Luxus nicht erlauben. Zunächst habe ich nicht den Platz für fünfzehntausend (!) Platten wie Joe ihn hat. Und dann fehlt es mir –wie gesagt- an einem „theme“. Sheila Burgel interessiert sich zum Beispiel für Girl Groups, vor allem aus den 1960ern. Natürlich hat sie ungezählte Schallplatten von diesen Band und Sängerinnen, darunter exotische japanische Singles deren Cover nicht selten famoser sind als das was man zu hören bekommt wenn man die Platte abspielt. Ein tolles „theme“, Sheila. Und wieder eines, welches mich zweifeln läßt überhaupt so etwas wie ein Sammler zu sein. Immerhin: Auf der Rückseite des Buches sieht man einige Vinyl-Liebhaber die einen ihrer Schätze in die Kamera halten. Neben dem Typen mit der fledermausförmigen Single (sicher irgendwas "Batman"-mäßiges) und der Dame mit der (mindestens) dritten Version von Bowies "The Man Who Sold The World" Album gibt es auch erstaunlich normal aussehende Leute die erstaunlich normale Schallplatten präsentieren: Jackos "Dangerous" zum Beispiel oder "Sgt. Pepper" oder "Between The Buttons" von den Stones. Das könnte auch ich sein!

Von wegen "schwarzes Gold"!

The Lightning Seeds
Kraftwerk, The Breeders
Supergrass, Nirvana

Bowie, The Cure
Ian Dury (Tribute)
Rage Against The Machine
Macca

Lemonheads
Kraftwerk
Pulp, Marion, Bloc Party

Bowie & Pet Shop Boys
Therapy?, Macca³


Bowie, Pulp, U2
Lemonheads
Blur


















In den 1990ern, als ich durch Ausbildung und Arbeit regelmäßig zu Geld kam war ich ein- oder zweimal im Jahr auf Plattenbörsen zu finden. Und selten gab ich dort weniger als einen (niedrigen) dreistelligen Betrag für ein paar Platten (sowie –ich gebe es zu- manchmal CDs) aus. Naja, eigentlich nicht „selten“ sondern schlichtweg nie. So kommt man aber nicht zu einem Eintrag bei „Dust & Grooves“ und wird auch nicht Sammler. Oder? Vielleicht kann ich mich darauf einlassen zu sagen ich habe eine „Plattensammlung“. Aber ein „Sammler“ bin ich nicht. Denn mangels „theme“ wird das nichts. Niemals. Ich kaufe viel zu sehr Sachen die ohnehin jeder hat, von daher gibt es nichts wirklich obskures in meiner… ahem… Sammlung zu finden. Oder ist etwa die vermutlich einzige 7“ der Band „Canadian Club“ (in der der Bruder eines früheren Arbeiskollegen spielte) eine Rarität? Ich habe nicht die geringste Ahnung.


Einen tollen Effekt hat und hatte das Buch aber in jedem Fall auf mich. Die Kickstarter-Kampagne lief über ein Jahr bis das Buch endlich bei mir angekommen war. Und in diesem Jahr habe ich mir nicht nur einen neuen Plattenspieler gegönnt, sondern bin auch wieder auf Plattenbörsen unterwegs gewesen. Natürlich habe ich gern gesehen, daß CDs für € 0,50 verramscht werden und bin fröhlich mit einer Tasche voll von schwarzem Gold nach Hause gegangen. „There’s just nothing like the sound of a needle hitting the groove, sending sweet amplified music straight to my ears.”, wie RZA ebenso weise wie wunderschön im Vorwort zu “Dust & Grooves” schreibt.



Schnörkellos schön.
Seit dem das Buch bei mir angekommen ist habe ich gefühlt etwa “null” CDs gehört, jedenfalls nicht komplett. Im Gegenteil. Irgendwann fing ich bei „A“ an und hörte mir der Reihe nach die Alben an die in meinem Regal stehen. Anläßlich der Ausstellung über David Bowie in Berlin sprang ich natürlich zu „B“ und bin jetzt irgendwo bei „D“ wie „Davis, Miles“. Ja, ich stelle mir die Platten tatsächlich alphabetisch ins Regal. Noch etwas wo ich mich von den Sammlern unterscheide. Sie sortieren natürlich nach Genre, Ländern, Labels oder Farbton des Covers. Supercool halt. Aber allein schon beim Genre müßte ich häufig passen. Der eben genannte Bowie zum Beispiel: Ist das nun Rock oder Pop? Und gehört das Frühwerk (so bis „Hunky Dory“) nicht schon fast zum Folk? Das ist mir zu kompliziert. Vielleicht sortiere ich mal nach Erscheinungsjahr, das würde sicherlich interessante Kombinationen ergeben.

Letzter Neuzugang (Innencover)
Aber Spaß beiseite. Was macht nun einen „Sammler“ aus? Kommt es tatsächlich auf die Größe (seiner Sammlung) an? Auf handgeschnitzte Regale oder einen Anteil von mindestens 10 % an Bands und Künstlern die der Welt nichts (mehr) sagen? Akute Klugscheißeritis nacht dem Motto „DAS kennst du NICHT??“. Fuck it, vielleicht ist es einfach die Begeisterung für ein Format, das den Hörer verdammtnochmal zwingt zuzuhören, statt stundenlang Dateiformate abzuspielen und damit Kunst zu einem Hintergrundrauschen zu reduzieren. Ein Gemälde im Museum anzuschauen ist schließlich auch etwas anderes als es sich am heimischen Monitor anzeigen zu lassen. Nur nicht ganz so unmittelbar die daheim die Nadel in die Rille gleiten zu lassen. Danke, RZA. Danke, Eilon. 

Sammler & Sammlung?
 Dust & Grooves - ISBN 978-0-9912248-0-7 

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