Samstag, 17. Oktober 2015

Tocotronic Live In Bielefeld 2015

Nach knapp zwei Stunden entlässt Bielefeld (das, so versicherte man Dirk von Lowtzow während des Konzerts, ja nichts anderes hat) die Tocos in die Nacht - oder ist es anders herum? Immerhin, den Regen konnte die Musik vertreiben.



Nach vielen Jahren in denen die Band im kleinen Forum zu Bielefeld gastierte gab sie heuer ihr Debüt im Ringlokschuppen, dort allerdings im kleinen Saal. Der Wechsel der Lokalität (man muß es gestehen) stand der Band sehr gut: Die Bühne leidlich größer und mehr Platz für die kleine aber feine Lichtanlage gab es auch. So betraten die vier Tocos unter frenetischem Beifall die Bühne. Das Publikum war von der kurzzeitig zum Duo geschrumpften Band "Sarah and Julian" mit schmusigem (leicht elektrifiziertem) Singer/Songwriter/Folk auf die Hauptattraktion des Abends eingestimmt worden. Natürlich begann es mit "Prolog" aus dem wunderbaren (roten) Album, welches unnachahmlich beweist: Über Liebe kann man auch auf deutsch singen (ohne peinlich zu werden). Toll! Doch es wird noch besser: "Du bist ganz schön bedient", "Digital ist besser" sowie "Samstag ist Selbstmord" aus den frühen Jahren reihen sich selbstbewußt an neue Songs wie "Ich öffne mich", "Zucker", "Rebel Boy" oder "This boy is Tocotronic". Nach wie vor ist kaum zu glauben, daß die ältesten Titel bereits 20 (in Worten: zwanzig) Jahre alt sind. 

Seltsamerweise/leider/zum Glück sieht man aber eher nicht zwei Generationen von Fans beim Konzert. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Zuhörer mit den Mitgliedern der Band gealtert, haben wie diese die Trainingsjacken längst abgelegt - nicht aber den Zorn der aus Titeln wie "Aber hier leben, nein danke" schallt. Immerhin: Die Punkattitüde ist noch irgendwie vorhanden ("Sag alles ab"), doch dominiert eindeutig der Rock, den man mit ordentlich Guitahrenfrickelei verfeinert. Sowohl von Lowtzow (der mal wirkt als wolle sein Instrument nicht so wie er und mal als ob die Musik nur durch ihn hindurchfließt) als auch Rick McPhail (wirkt meist stoisch, ist aber immer da wo er sein soll) bearbeiten ihre Instrumente mit echter Hingabe. Jan Müller (von Lowtzow: "Für immer jung") spielt seinen Bass meist auf der Stelle hüpfend und zappelnd, während immer wieder fast spitzbübische Grinser ins Publikum oder zu den Kollegen gehen. Arne Zank am Schlagzeug mag manchmal unscheinbar wirken, doch nicht nur sein Fanclub ("Arne!!!") würde ihn schmerzlich vermissen wenn ein anderer den Takt vorgeben würde.

Nur gemeinsam schaffen die vier Tocos die einzigartige Mischung aus Lärm, Melodie und Lyrik, die die Band ziemlich unverwechselbar und (darf man das sagen?) einzigartig macht. Leider verlassen sie schon nach viel zu kurzen 75 Minuten das erste Mal die Bühne, um einen etwa halbstündigen zweiten Konzertteil nachzuschieben. Die Zugabe endet dann standesgemäß mit der Feedbackorgie "Explosion". Doch das Publikum will sich damit nicht zufrieden geben und fordert vehement eine Zugabe. Die kommt dann auch: "Freiburg". Zwar in einer sehr kurzen Version, aber immerhin. Auf dieser Tour gab es diesen Bonus anderswo nicht. 

Insgesamt ein runder (wenn auch viel zu kurzer) Abend mit einer (bzw. zwei) tollen Band(s), bei der (denen!) man sich wirklich darauf freut wenn es heißt "Bis zum nächsten Mal!". 

(Dank an Steve -Stevie?- aus Luxemburg für ein paar Bonusinformationen.)

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