Montag, 29. August 2016

Mark Lewisohn - All These Years Vol. I



Ein weiteres Buch über die Beatles? Muß das sein? Alle Fans der Band kennen die Geschichte – mal mehr und mal weniger. Alle Anekdoten sind schon mehrere Dutzend Male erzählt worden. Doch sind sie auch richtig erzählt worden?

Mark Lewisohn begann 2003 mit der Arbeit an diesem erstaunlichen Buch und nach nur zehn Jahren Arbeit (wobei sich Lewisohn bereits seit den frühen 1980ern intensiv mit den Beatles beschäftigt) lag dieses gut 800seitige Buch vor (plus etwa 100 Seiten an Anmerkungen und Danksagungen). Warum aber soll man es lesen? Nun, zunächst einmal ist da die ziemlich erstaunliche Tatsache, daß dieses Buch die Geschichte der Beatles eben nicht von 1962 bis 1970 erzählt, sondern von 1845 (!) bis 1962, also bis zur Veröffentlichung der 1. Single „Love Me Do“ und den Wochen und Monaten danach. Auf (wie gesagt) gut 800 Seiten. So manches Buch über die „boys“ erzählt die (vermeintlich) ganze Geschichte auf nicht selten deutlich weniger Seiten.

Lewisham ist echter Fan. Doch er mag keine Schönfärberei und schon gar keine Halbwahrheiten. Er wollte die wirklich wahre Geschichte der Beatles erzählen und (soweit das nach einem halben Jahrhundert überhaupt möglich ist) nichts auslassen. Und so stieg er also in Archive und sprach mit sehr vielen Leuten die damals dabei gewesen sind, wog ab, verglich und schrieb (gewürzt mit einer Prise feinen Humors) den ersten Teil einer Biographie, die wohl bald als das ultimative Referenzwerk zum Thema Beatles in die Geschichte eingehen dürfte.

Ausgehend von den Wurzeln der Familien Lennon, McCartney, Harrison und Starkey über die Kindheit, Schulzeit, Jugend bis zur Veröffentlichung der ersten Platte bei EMI lässt einen dieses Buch kaum los. Fast schon farbenfroh sieht man die 50er in Liverpool vor sich, eine Zeit in der man teilweise Hausverbot bekam wenn man eine Jeans trug. Dabei wird die eine oder andere Geschichte die man zu kennen glaubte ins rechte Licht gerückt, sei es die vermeintlich dramatische Szene in der sich der kleine John zwischen Vater und Mutter entscheiden musste (SO dramatisch war es dann wohl doch nicht), oder die gern erzählte Mär wie die Beatles an ihren Plattenvertrag bei Parlophone/EMI gekommen sind. Ja, auch diese Geschichte, jahrzehntelang von Produzent George Martin sehr liebevoll erzählt, ist in der allseits bekannten Form schlichtweg… sagen wir… nicht richtig. 

Auch wird (spätestens in den Anmerkungen) klar woher man (bisher) so manche Information gehabt hatte (und welche Informationen für immer verloren sind). So war mir beispielsweise gar nicht klar, daß ich alle Informationen zu Stuart Sutcliffe (der ein Freund von John gewesen ist) im Grunde bisher aus dem Mund von Paul McCartney hatte (man sehe/lese dazu nur in der Beatles Anthology). Offenbar ist John Lennon nie zu Sutcliffe befragt worden, eine Schande für den Musikjournalismus der 1960er und 1970er. Ebenfalls bedauerlich ist, daß sich Neil Aspinall erst sehr spät dazu durchringen konnte an diesem Buch mitwirken zu wollen. Nach seinem Ausscheiden bei Apple Corps. hat er leider nicht mehr so lange gelebt wie man es ihm gewünscht hätte. Viele Anekdoten (und Wahrheiten?) dürften mit ihm verloren gegangen sein.

Garniert mit einigen (teils wirklich seltenen Fotos) bereitet dieses Buch eine unglaubliche Freude. Nur das im Grunde plötzliche Ende im Dezember 1962 nervt. Denn natürlich geht die Geschichte der Beatles weiter. Wenn sie nicht bis ins aktuelle Jahr reicht, so doch wohl zumindest bis ins Jahr 1970. Mark Lewisohn arbeitet zur Zeit an den Fortsetzungen. Band zwei erscheint etwa um das Jahr 2020 herum und wird die Jahre bis 1966/67 zum Thema haben. So ganz genau weiß er das wohl noch nicht. Lassen wir uns überraschen!

Mark Lewisohn: „All These Years – Volume 1: Tune In” erschien 2013 bei Little, Brown. Es ist zur Zeit nur auf Englisch erhältlich. Neben der hier besprochenen Version gibt es noch eine etwa doppelt so umfangreiche „Extended Special Version“. Essential reading.

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